Komm mit in meine Geschichte und sei dabei während sie entsteht
In meinem neuen Roman geht es um eine Frau, die den uralten Bauernhof ihrer Grosseltern erbt, sie macht daraus einen Ort für Menschen, die heilen, sich erholen oder nach dem richtigen Weg suchen wollen. Sie hat grosse Träume, welche sie Schritt für Schritt verwirklicht. Sie bekommt dabei Unterstützung aus der geistigen Welt. Menschen erfahren von diesem besonderen Hof und von der Naturfrau, die mit uraltem Naturwissen und spirituellen Gaben Menschen ihre Kraft bringt und ihnen neues Leben einhaucht.
Eine Geschichte voller Visionen, Träume, Mystik und Naturspiritualität...
Hier kannst du live dabei sein beim Entstehen der Geschichte. Ich werde hier wöchentlich immer Sonntags einen Ausschnitt aus dem neuen Roman posten und bin selbst gespannt wie sie sich entwickeln wird.
Weshalb ich das so veröffentliche? Weil ich Lust habe zu schreiben und weil in dieser Geschichte beschreiben wird, wie ich meine Arbeit als Naturcoach sehe und welche Seele in ihr steckt. Übrigens sind die Texte zwar der Reihe nach geordnet aber nicht vollständig, das was du hier liesst ist am Entstehen und nur wenig überarbeitet.
Kapitel 1
Die Ankunft
Ich fühle mich wie ausgespuckt in eine andere Welt. Nun stehe ich hier an dem Ort, an den ich mich schon ein ganzes Leben lang gesehnt habe. Ausgemalt, was hier alles entstehen könnte. Daran geglaubt hatte ich schon lange nicht mehr. Jetzt stehe ich da, wie in einem Traum, auf dem Vorplatz des alten Hofes. Uralt müssen die runden Steine sein, die zu einem großen Platz gepflastert wurden. Ich bin zu Hause. Das ist mein Gefühl, das ich mit jeder Faser meines Körpers spüre. Ich stelle meinen Koffer neben mich hin und schaue mich um. Links von mir die alte Linde, die mein Großvater einst gepflanzt hat. Hinter ihr steht das große Bauernhaus von 1800. Im linken Teil befindet sich das Wohnhaus, im rechten die Scheune, die lange als Schreinerei genutzt wurde. Ich liebe diesen Scheunenraum. Das Haus wird von einem großen Dach, das über den Wohnraum herausragt und für trockene Eingangsbereiche sorgt. Das Dach verbindet Wohnhaus und Scheune und bietet momentan Raum für viele alte Möbel und Erinnerungen unserer Familie. Ich schaue am Haus vorbei in den Garten. Ich habe so viele Ideen, wie ich diesen Garten nutzen werde. Alte Obstsorten, einen Gemüsegarten, einen Schwimmteich, verschiedene Sitzplätze und Heilkräuter werden darin Platz finden. Der alte Nussbaum im Bereich der früheren Weide soll auf jeden Fall bleiben. Der hat mein Großvater gepflanzt, und ich möchte in allem, was ich hier tue, meine Großeltern ehren. Sie haben diesen Ort erschaffen, wie er heute ist. Vor der Weide steht ein Stall, der seit ich denken kann, als Garage diente. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass dieser Ort jetzt mir gehört und ich meine Träume verwirklichen kann. Ich schüttle mich vor Ungläubigkeit und bemerke das Klimpern der Schlüssel in meiner Hand. Ein Schlüsselbund, wie ich ihn aus der Geschichte „Das kleine Gespenst“ kenne. Einen handtellergroßen Eisenring hält drei große Schlüssel aus Messing zusammen, an einem weiteren kleinen Ring hängen sechs moderne Haustürschlüssel und diverse Zimmerschlüssel. Zudem sind da noch drei geheimnisvolle Schlüssel, die zu Truhen oder einem Safe gehören. Ich schnappe mir ohne Zögern einen der modernen Haustürschlüssel. Ich stecke ihn in das Schlüsselloch der Haustür aus Holz. Eine Mischung aus Gefühlen wie Ehrfurcht, Hausfriedensbruch und Nostalgie überkommt mich. Bisher wurde mir die Tür immer von meinem Onkel oder meiner Tante geöffnet. Heute öffne ich sie zum ersten Mal selbst. Ich drehe den Schlüssel um, und sie öffnet sich mit einem Klack. Ich mache einen Schritt auf die Tonfliesen und sehe, dass sich am Eingangsbereich nichts geändert hat. Ja, die Garderobe ist ausgeräumt, und das kunstvolle Holztischchen, auf dem immer das Telefon stand, ist leer. Die Seele dieses Raums ist jedoch die gleiche. Es ist ein Raum, der erdet und entspannt.
Von diesem grosszügigen, fast quadratischen und zwei Stockwerke hohen Raum geht es in ein Mini WC mit Dusche, in einen Wirtschaftsraum, in das Wohn- und Esszimmer und in die geräumige Küche mit Vorratsraum, um den ich meine Cousine, die hier wohnte in ihrer Kindheit benieden habe. Eine grosse Holztreppe führt ins erste Obergeschoss. Das Haus ist bis auf ein paar alte Möbel meines Grossvaters leergeräumt. Raum für neue Ideen. Raum, den ich füllen darf. Ich stelle meinen Koffer und meine Tasche ab und gehe ins Wohnzimmer.
Kapitel 2
Die Grosseltern
Als ich ins Wohnzimmer komme, sitzen meine Grosseltern da. Sie sind seit vierzig und mehr Jahren tot. Meine Grossmutter ist früh gestorben und mein Grossvater lebt nicht mehr, seit ich fünf bin. Sie begrüssen mich freundlich und bitten mich, mich dazuzusetzen. Im ersten Moment bin ich geschockt, klar, aber schon im nächsten Moment fühlte es sich an wie das natürlichste der Welt. Sie wirkten nicht geisterhaft, sondern wie echte lebende Personen. Also setze ich mich. Eine Träne lief mir die Wange hinunter. Ich habe meine Grossmutter noch nie gesehen, sie starb vor meiner Zeit. Es überkommt mich eine tiefe Verbundenheit. Ein berührendes Geschenk sie hier zu sehen. Wie sich später herausstellt, ist das die erste Begegnung von vielen, die folgen würden. «Wir werden für dich da sein, wenn du uns brauchst.» sagt mein Grossvater. «Weisst du, wir sind sozusagen die guten Geister von diesem Ort.» Er lächelt meine Grossmutter an. Ich habe ihn noch nie so liebevoll lächeln sehen. In meiner Erinnerung sah sein Lachen stehts ein bisschen gequält aus. Er war ein eher strenger Mann, den ich eher fürchtete als verehrte. «Es ist der Ort, den wir zu Lebzeiten so geliebt haben und du wirst es noch erleben, es ist ein ganz besonderer Ort. Es ist ein Ort zum Ankommen. Wir haben entschieden, da zu sein als Unterstützung, solange unsere Familie diesen Ort belebt.» «Und jetzt unterstützen wir dich in deiner Aufgabe. Darauf haben wir lange gewartet.» spricht meine Grossmutter weiter. «Genau wie du spürten wir deine Verbundenheit zu diesem Ort, seit du als Kind hier zu Besuch warst. Kannst du dich noch erinnern, als ihr das Haus geräumt habt nach dem dein Grossvater gestorben ist? Du warst so beeindruckt von den Räumen, besonders von dem Arbeitszimmer oben. Eine tiefe Verbindung entstand, die bereits vor deiner Geburt angelegt war. Sie hat dich nie mehr losgelassen. Wir haben alles so eingefädelt, dass du das Haus bekommst, weil es deine Bestimmung ist, hier zu wirken. Du kennst die Magie von diesem Hof.»
Mir laufen die Tränen übers Gesicht, es ist alles so unwirklich und doch spüre ich in allem eine tiefe Wahrheit. Als ich meine Stimme wieder fand, frage ich: «Was ist den meine Aufgabe hier?» «Das mein Kind wirst du Stück für Stück erfahren, in dem du hier bist, alte Schätze entdeckst und den Garten zu dir sprechen lässt. Nimm dir Zeit, dann wirst du wissen, wofür du hier bist. Die letzten Jahre waren deine Vorbereitung darauf.» schliesst meine Grossmutter. Beide nicken mir zu und sind ohne Vorwarnung weg.
Ich weiss nicht, wie lange ich dagesessen bin, ohne mich zu rühren – das Erlebte überwältigt mich und gleichzeitig fühlt es sich an, als wäre alles ganz natürlich. Wieder im Hier und Jetzt angekommen, überkommt mich auf einmal ein Unbehagen. Eine gespenstische Stille erfüllt das Haus. Als wären es zwei verschiedene Welten, die Realität hier und das Gespräch mit meinen Grosseltern. In der Realität bekomme ich es mit der Angst zu tun, was geht hier vor? Ich muss raus. Ich laufe in den Garten und bin froh über den Zaun andere Menschen zu entdecken, die ihrem Leben nach gehen. Ich entschliesse mich vorerst den Hof hinter mir zu lassen und nach Hause zu meiner echten, lebenden Familie zu fahren.
Kapitel 3
Die ersten Tage
Am nächsten Tag und den Darauffolgenden komme ich wieder. Es gibt keine Begegnung mehr mit meinen Grosseltern und auch andern Geistern bin ich nicht begegnet. Dafür ganz vielen verstaubten Schätzen der Vergangenheit. Zu Beginn bin ich überfordert, wo beginnen, was ist die Strategie und was meine Pläne mit diesem Haus? Vor noch nicht mal einer Woche habe ich erfahren, dass der Hof mir gehört. Jahrzehnte lang träumte ich davon, was ich mit diesem Ort alles machen könnte und jetzt wo er tatsächlich mir gehört, weiss ich gar nichts mehr. Nachdem ich ein paar Minuten am Auto angelehnt da stand und zu Haus und Garten blickte, entschied ich mich erstmal in die alte Schreinerei meines Grossvaters zu gehen, die in der Scheune eingerichtet war, welche mit dem Wohnhaus verbunden ist. Die Schreinerei weckt Kindheitserinnerungen. Mein Grossvater habe ich nie in Aktion gesehen. Mein Vater hat ein Teil der Schreinerei mit nach Hause genommen als mein Grossvater starb und wir trugen das Werkzeug mit Stolz und der Erinnerung an meinen Grossvater im Herzen. Die Schreinerei erinnert mich auch an Ferien bei meiner Cousine, die nach dem Tod meines Grossvaters hier als siebenjährige mit ihrer Familie eingezogen ist. Die Schreinerei war unser Bastelparadies und wir taten so – als Schreinersenkel – als wüssten wir stehts, was wir taten. Das Gefühl kenne ich bis heute. Ich habe das Gefühl, das Schreinern im Blut zu haben, obwohl ich selten werke und wenn dann ziemlich ungeschickt und mit wenig Geduld.
Ich schaue mich ziellos um, entdecke uralte Notizen, die an einer Holzwand hängen. Es berührt mich und ich fühle sofort meinen Grossvater neben mir, ohne ihn zu sehen. So gehe ich Stunden durchs Haus. Über den Scheunendachboden gelange ich in den Dachboden des Wohnhauses. Dort stehen alte Möbel, die mein Grossvater restauriert hat oder von der gesamten Verwandtschaft in der `Neuzeit` hier hingebracht wurden, weil es hier schliesslich Platz hatte. Schränke, Tische, Bettgestelle stapelten sich. Alles von Staub und Spinnweben eingehüllt. Teilweise wurde zum Schutz weisse Leintücher daraufgelegt.
Neben der Treppe, die nach unten in den ersten Stock des Wohnhauses führt, fällt mir eine Truhe auf. Sie habe ich früher schon mal unten im Büro meiner Grosseltern gesehen. Wahrscheinlich ist sie beim Auszug meiner Verwandten nach oben gebracht worden. Ich öffne sie. Sie knarrt wie in einem Film, in dem Spannung aufgebaut werden will. Gespannt halte ich den Atem an. In der Truhe entdecke ich eine in Papier eingehüllte Tracht meiner Grossmutter und einen Anzug meines Grossvaters, was vermutlich beides meine Grossmutter einst geschneidert hatte. Sie war eine begabte Trachtenschneiderin. Unter den Festtagskleidern kamen Dokumente, Notizbücher und Urkunden zum Vorschein. Ich setze mich neben die Truhe auf den Treppenabsatz und blättere durch die Dokumente der Zeit im spärlichen Licht der Dachbodenbeleuchtung. Die Hochzeitsurkunde meiner Grosseltern finde ich, einen Stammbaum und der Todesschein meiner Tante, die nur fünf Monate alt wurde. Ihre Initialen sind in das Kinderbett geschnitzt, in dem auch meine Kinder als Baby gelegen haben. «E.Z. – auch meine Initialen», murmle ich nachdenklich. Tief berührt stehe ich auf, schliesse die Truhe und gehe nach unten in den Garten. Ich habe längst nicht alles gesehen, was in der Truhe verborgen ist, doch in die Vergangenheit meiner Familie einzutauchen, ist für mich bewegend und aufwühlend. Deshalb brauche ich jetzt erst mal eine Pause. Ich schliesse ab und gehe eine Runde durch den ruhenden Januargarten. Ich setze mich für einen Moment auf die Bank an der Rückwand der alten Stallung, welche heute als gedeckter Parkplatz dient.
Am nächsten Tag hole ich mit Hilfe meines Mannes die Truhe in das Wohnzimmer in den nächsten Tagen werde ich mir Zeit nehmen in der Geschichte meiner Familie zu stöbern. Heute habe ich meinen Mann mitgebracht, weil ich den Spannteppich in den Zimmern loswerden will. Ich habe noch keinen Plan, was ich mit dem Hof anstellen möchte. Beim durchs Haus schlendern der letzten Tage, ist mir der Teppich aufgefallen in den Schlafzimmern oben. «Der muss raus.» entschied ich gestern spontan, weil ich nichts schlimmer finde in einem Haus als Spannteppich. Mein Mann hat mir seine Unterstützung angeboten, welche ich dankend annehme. Er wird mir in den nächsten Monaten eine grosse Unterstützung sein. Bald wurde klar, dass unter dem Spannteppich alte Holzdielen liegen, welche zwar geschliffen und ausgebessert werden müssen, aber viel besser zur Seele des uralten Hauses passen. Wir werkeln ganzen Morgen Seite an Seite, ein wunderbares Gefühl. Die letzten Jahre waren oft herausfordernd für uns. Wir haben unsere eigenen Kinder grossgezogen, über zehn Pflegekinder und daneben hatte ich mich selbstständig gemacht. So oft hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich trotz Möglichkeit zur Selbstverwirklichung ständig schlecht gelaunt und mit mir beschäftigt war, da meine Selbstständigkeit lange nicht so erfolgreich war, wie erhofft. Doch er blieb immer an meiner Seite und ist stolz auf mich. In den letzten Monaten hat meine Selbstständigkeit eine überraschende Wendung genommen, welche schliesslich auch der Grund ist, weshalb ich hier bin. Seither finden wir mehr und mehr eine neue Ebene unserer Beziehung – sie ist erwachsen geworden. Nicht im Sinn von langweiliger Routine, sondern im Sinn von Reife. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Er ist mir schon immer auf Augenhöhe begegnet. Ich war diejenige, die immer wieder an mir zweifelte und somit auch an der Liebe. Dieser Morgen fühlte sich einfach richtig an – endlich fühlte ich mich richtig genau so wie ich bin und am Ort wo ich mich befinde.
Kapitel 4
Wie die Magie zurück in mein Leben kam
Vor einer Woche bin ich hier angekommen. Jeden Tag von Morgens bis Abends bin ich seit her hier. Obwohl ich nicht hier wohne und mein zu Hause bei meiner Familie ist. Das ist das zu Hause meiner Sehnsucht.
Ich putzte, ich räum den Garten auf und ich schmiede Pläne. Am liebsten sitze ich auf der alten Bank, die an die Stallmauer gelehnt ist. Hier scheint mir die Frühlingssonne ins Gesicht und ich blicke auf den Teich im riesigen Garten. Ich sitze mindestens einmal am Tag auf dieser Bank mit einer Tasse Tee in der Hand. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass das alte Bauernhaus und der grosse zauberhafte Garten mir gehört.
Es begann alles vor zwei Jahren. Nichts ging mehr. Meine Kinder brauchten mich nicht mehr so sehr, beruflich ging alles, was ich anpackte schief und das Liebesleben hat sich schon mal besser angefühlt. Eines Morgens als alle aus dem Haus waren, entschied ich mich, aufzuhören nach Lösungen zu suchen, um die Liebe zu kämpfen und ständig irgendwas zu tun, damit ich das Gefühl hatte, wichtig zu sein. Ich hatte mir eine Woche Pause gegönnt. Eine Woche, in der ich stehts meiner grössten Freude folgen wollte. Schliesslich gab ich diesen Rat den meisten meiner Kundinnen: «Folge deiner grössten Freude.».
Der Entschluss stand fest. «Was macht mir denn Freude – was ist in diesem Moment meine grösste Freude?» Unbehagen machte sich breit. Ich wusste es nicht. Ich beschloss erst mal duschen zu gehen, was schliesslich in einem ausgedehnten Vollbad endete. Es tat gut nichts zu müssen. Danach trank ich einen Tee und lass in einem Buch. Nach kurzer Zeit nickte ich über dem Buch ein. Als ich wieder wach wurde, fuhr ich mit meinem Fahrrad in mein Lieblingsrestaurant und ass einen Salat. Ich hangelte mich von einer Tätigkeit zur andern. Der erste Tag ging vorbei. So richtig gut fühlte ich mich nach diesem Tag nicht. Trotzdem blieb ich am nächsten Tag an meiner Mission dran. Die nächsten Tage wusste ich immer besser, was mir Freude macht. Ich blühte auf. Ich ging ins Kino, im See schwimmen, machte eine Fahrradtour und kochte auf dem Feuer. Computer, soziale Medien und mein Unternehmen liess ich links liegen. Nach einer Woche fühlte ich mich entspannt und voller Ideen, was ich alles noch tun könnte. Ich freute mich am Abend für meine Familie zu kochen und mit ihnen zu plaudern. So viel Energie hatte ich schon lange nicht mehr. Ich ging sogar zum Coiffeur und hatte meine langen gewellten Haare endlich wieder mal in Form bringen lassen. Was Anfangs mit Unbehagen begann, war zum Ende der Woche ein grosser Spass geworden. So glücklich war ich seit Jahren nicht mehr. Am Sonntagabend schaute ich zum ersten Mal seit einer Woche auf mein Mail. Was ich da sah, konnte ich nicht glauben. Fünf neue Buchungen und neun Anfragen für eine Zusammenarbeit mit mir, waren im Posteingang. Ich hatte eine Woche lang nicht an mein Unternehmen gedacht und jetzt das. Mein Herz begann, heftig zu klopfen. Ich sprang auf und tanzte durch die Wohnung.
Ich lächle bei den Gedanken an diese wunderbare Woche. Folge deiner grössten Freude, ist seither mein Lebensmotto. Ich gestalte mein Alltag, meine Freizeit und meine Arbeit danach. Seither hat sich mein Leben auf wunderbare Weise gewandelt. Stück für Stück habe ich mich verwandelt. Ich fühle mich pudelwohl in meinem Körper – mit mir als Frau, kann meinen Kindern endlich das glückliche Vorbild sein, das ich schon immer sein wollte und ich bin erfolgreiche Unternehmerin. Es ist Magie. Dass ich hier sitze, ist mit dem Verstand nicht zu begreifen. Ein Traum, nach dem andern hat sich in meinem Leben erfüllt – grosse und kleine Wunder sind geschehen. Als Jugendliche träumte ich davon, hier mit Menschen und Tieren zu arbeiten. Jetzt sitze ich hier mit bald 45 und dieser magische Ort gehört mir. Ich atme tief ein und aus und lehne mich an die warme Stallwand. Ich spüre das Glück in jeder Zelle meines Körpers. Ich geniesse den Moment so sehr. Plötzlich taucht eine Idee auf, ich notiere sie schnell auf meinem Notizpapier, welches neben mir liegt und zeichne am Gartenplan weiter. Ich habe so viele Ideen für diesen Ort. An Ideen hat es mir noch nie gefehlt. So bin ich, tausende Ideen im Kopf, für alles zu begeistern und jetzt traue ich mich daraus etwas Neues zu kreieren an diesem Ort voller Magie.
Kapitel 5
Die Bienenpriesterinnen
Ich stehe vor einem grossen Tor. Es muss vor langer Zeit einmal das Eingangstor gewesen sein zum Hofgarten. Ein mächtiges Tor aus Holzlatten. Verwittert und doch erhaben. Dahinter sehe ich eine lichtdurchflutete Wiese, umringt von alten Bäumen und Sträuchern. Ich drücke die Klinke herunter und das Tor öffnet quietschend und ich gehe hindurch. Barfuss in einem weissen Kleid und betrete das glitzernd feuchte Gras. In der Mitte der Wiese bleibe ich stehen. Alles scheint in weichem Licht. Ist es Tag oder Nacht? Ich weiss es nicht. Wie aus dem Nebel kommen zehn Frauen mit bodenlangen hellgelben Kleidern auf mich zu. Die einen halten etwas in den Händen, das für mich noch nicht erkennbar ist. Beim Näherkommen sehe ich, wie ein Bienenschwarm hinter ihnen fliegt, als ob er sie begleiten würde. Ich fühle mich angezogen von ihnen. Die Bienen – eine alte Sehnsucht. Ich weiss tief in mir, diese Frauen sind Bienenpriesterinnen der alten Zeit. Mein Körper beginnt zu vibrieren, als halle das Summen der Bienen in mir nach. Die Bienenpriesterinnen stellen sich um mich herum in einem Kreis auf. Der Bienenschwarm bildet über ihnen ein grosses Herz. Eine Bienenpriesterin kommt auf mich zu. Sie hat ein Buch für mich dabei. Es sieht nicht alt aus, aber es erinnert an die alten Bücher, die von Hand gebunden wurden und mit Stoff eingefasst waren. Ich forme auf ihre Anweisung die Hände zu einer Schale und sie schüttet aus dem Nichts durchsichtig glitzernde Perlen, - nein - eher Kieselsteine, in meine Hände. Ich weiss nicht, was diese Gaben bedeuten sollen. Aber ich merke, dass sich in diesem Moment mein Herz öffnet. Auf einmal wird mir klar, dass der Bienenschwarm in meinem Herz einzieht. Ich bin tief berührt und mir laufen die Tränen übers Gesicht. Tief berührt und voller Freude. Ein Gefühl, nach welchem ich mich sooo lange gesehnt habe ohne es zu wissen. Ich bin zu Hause. Mein Herz wird überflutet von Liebe, Freude und Energie. Ich sehe wie zuerst ein paar wenige Bienen sich in meinem Herz einrichten und dann beginnt sich das Bienenherz zu bewegen und eine Biene nach der andern fliegt mit feenhaftem Flügelschlag in mein Herz. Mehr und mehr bin ich mit honiggelben Licht durchflutet und dieses Licht umhüllt mich wie eine weiche Wolke. Ohne dass die Priesterinnen ihren Mund bewegen, höre ich jetzt ganz deutlich, wie sie immer wiederholen: Befreie dich, Befreie dich, befreie dich!» Während ich mich fragen, wovon ich mich wohl befreien soll, sprechen sie weiter: «Befreie dich von der Angst dich als … zu zeigen» als was ich mich zeigen soll, kann ich nicht hören, aber ich ich spüre es deutlich. Die Angst von der ich mich befreien soll, hat mit meiner Spiritualität zu tun – mit meiner Aufgabe auf dieser Welt. Bereits in den letzten Monaten tauchten immer wieder Bilder aus dem Nichts auf. Sie zeigten mich als Allwissende, Zauberin, Orakel, die Menschen lesen kann und deshalb kommen sie zu mir - um Krankheiten loszuwerden, Lösungen zu sehen und zu sehen, was ihre nächste Schritte sein sollen. Diese Frau in den Bildern ist sehend und weiss, was ihr gegenüber braucht. Sie ist wie eine liebevolle Mutter, die immer Rat weiss, mit ihren Händen heilen kann und auf alles eine Antwort hat.
Auf einmal öffnet sich über uns den Himmel. Ich sehe mich hier auf dem Hof. Menschen, die für eine Zeit hier leben, weil sie sich finden, heilen oder einen neuen Weg einschlagen wollen. Sie kommen verzweifelt, können hier aufatmen und Kraft tanken. Neue Wege eröffnen sich ihnen sobald die Energie zurückkommt und Heilung geschieht. Eine Frau fällt mir besonders auf. Sie ist sieht dünn und grau aus. Sie kommt langsam auf das Haus zu. Meine Grosseltern stützen sie. Ich begrüsse sie und bringe sie auf ihr Zimmer. Zum Glück habe ich darauf bestanden den Aufzug doch einzubauen, trotz der horrenden Kosten. Sie hätte es nicht geschafft. In diesem Moment weiss ich, sie ist gekommen, um hier zu sterben.
Dann schliesst sich der Himmel wieder. Eine Bienenpriesterin kommt auf mich zu. Sie nimmt mich in den Arm und sagt: «Du bist zurückgekommen. Wir werden dich unterstützen bei deiner grossen Aufgabe. Feire die Jahreskreisfeste, verbinde dich mit dem Rhythmus der Natur und du wirst wissen, was du zu tun hast. Eine deiner grössten Aufgaben wird es sein, einfach da zu sein. Aktiviere Heilung, aber heile nie Menschen, die nicht bereit sind dafür. Das Buch und die Kieselsteine werden dir immer die Wahrheit sagen.»
Bevor ich etwas Fragen konnte, löste sich die Situation um mich herum auf und ich stand in meinen Alltagskleidern und einer Schaufel in der Hand im alten Garten. Als wäre nie etwas geschehen. Ich stehe für einen regungslos da, überwältig vom Erlebten und tief verbunden mit mir und mit diesen Pristerinnen. Zu Hause, ich bin zu Hause halt es in mir nach. Die Bienen eine alte Sehnsucht – kein Zufall, dass ich vor ein paar Jahren einen Imkerkurs absolvierte und seither Bienen halte?
Die Bienenpristerinnen meine Ahnen, darin bestand für mich kein Zweifel. Obwohl sich das Erlebte unwirklich anfühlte.
Kapitel 6
Das alte Leben
In den nächsten Tagen hat mich die Realität wieder. Die Übernahme und die Erlebnisse der letzten Wochen ließen mich fast vergessen, dass ich in meinem alten Leben noch einiges zu erledigen habe, bevor ich hier starte.
Oh, wie ich das hasse. Dinge zu Ende zu bringen. Das ist wohl einer meiner größten Stolpersteine. „Kind, mach mal etwas fertig, bevor du etwas Neues beginnst“, hat mir bereits meine Mutter ständig gesagt. Mein Coachinggarten hatte ich nun fast zehn Jahre, und obwohl es nicht immer einfach war, bin ich dran geblieben, habe mich immer wieder aufgerafft und weitergemacht. Ich habe vieles ausprobiert und neue Ideen entwickelt, aber ich bin dran geblieben, bis es erfolgreich wurde. Das war vor drei Jahren. Zugegeben, es ist ein bisschen verrückt, jetzt, wo es ENDLICH funktioniert, an einem neuen Ort mit einer neuen Idee neu zu starten. Wenn ich eins in den letzten fünf Jahren gelernt habe: Wir müssen die Wunder erkennen und uns trauen, mit ihnen zu gehen, sonst sind sie wieder weg. Dafür ist unser Leben zu kurz, und die Welt braucht Menschen, die ihren Träumen kompromisslos folgen. Ich bin bereit für ein neues Abenteuer. Aber ich habe auch gelernt, wie befreiend es ist, einen Raum zu schließen, damit ein neuer voller Kraft eröffnet werden kann.
Es ist Februar. Ich treffe mich im Coachinggarten mit all denen, die mich in den zehn Jahren unterstützt haben, diesen Garten zu pflegen und ihn mitzugestalten. Außer meinem Mann weiß niemand etwas von den großen Veränderungen, die hier stattfinden werden. Angespannt gehe ich den Weg, den ich so oft gegangen bin. Es gab viele Momente, in denen ich ihn mit großen Zweifeln und Ängsten gegangen bin. Heute bin ich fokussiert auf das, was ich sagen möchte. Kein leichter Gang, ich befürchte Enttäuschung und einen großen Aufwand, den Garten abzubauen. Einige Obstbäume und Heilkräuter werde ich mitnehmen können, vielleicht auch die Steine, die für die Beetbegrenzung gesetzt sind. „Aber was ist mit dem Bauwagen, der als gemütlicher Kursraum dient?“ geht es mir durch den Kopf, als ich in Gedanken versunken bemerke, dass ich bereits vor dem großen Zauntor zum Garten stehe. Wie immer, wenn ich in den Garten komme, um zu arbeiten, bin ich eine halbe Stunde früher hier. Ich begrüße die Pflanzen, frage sie, wie es ihnen geht, und sie teilen mir mit, was für den Menschen, den ich als Nächstes empfangen darf, wichtig ist. Ich verbinde mich mit dem Garten und dem großen Ganzen, um die Menschen tief und echt unterstützen zu können. Oberflächliche Verhaltenstherapien und Psychotherapien gibt es genug. Die Menschen brauchen Begleitung, die wirklich hilft und sie mit ihrer wahren Natur verbindet, damit sie ihren ureigenen Weg gehen können. Bei diesem Gedanken bin ich mitten im Garten angekommen, schaue mich um und nehme wahr. Die Pflanzen erwachen langsam im Dunkeln der Erde. „Was wird wohl aus euch werden?“, frage ich mich, als bereits Marie durch das Zauntor schlüpft und kurze Zeit später Ute.
Wir begrüßen uns. Die Anspannung ist zu spüren. Es ist allen klar, dass etwas in der Luft liegt. „Ich will gar nicht lange drumherum reden. Ich bestelle euch sonst nie zusammen in den Garten. Ich werde ein Bauernhaus mit Garten übernehmen und werde den Garten auflösen, bevor der Frühling beginnt.“ Stille. Ute ist die erste, die ihre Sprache wieder findet: „Ok, ich dachte mir schon, dass das irgendwann mal geschehen wird, du warst ja sowieso selten hier."
Obwohl ich weiß, dass Ute oft unüberlegt direkt ist, trifft mich ihre Aussage, und ich wollte gerade kontern, als Marie zögerlich sagt: „Wäre es auch eine Möglichkeit, dass wir den Garten weiterführen?“ Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Als du geschrieben hast, kam plötzlich der Gedanke: Was, wenn du den Garten aufgeben möchtest.“ Zuerst verfiel ich wie immer in Panik. Aber dann holte mich mein Mann da heraus mit der Frage, ob ich ihn übernehmen wolle.
Auf einmal ging alles sehr schnell. In den nächsten Tagen haben wir einen Vertrag aufgesetzt, dass der Bauwagen, die Werkzeuge und die Pflanzen von Marie und ihrer Familie übernommen werden, zu einem fairen Preis. Danach klärten wir die Übergabe mit dem Grundstückbesitzer, und nach einer Woche feierten wir mit unseren Familien den Abschied und den Neubeginn mit einer wärmenden Suppe vom Feuer.
Ute wird weiterhin mitgärtnern, und ich werde Marie zur Seite stehen, falls sie Fragen hat.
Mir wird leicht ums Herz, und ich merke, wie sich eine neue Tür für mich öffnet. Plötzlich sehe ich klar vor mir, was aus dem alten Bauernhaus und dem magischen Garten werden soll. Einmal mehr erkenne ich, wie wichtig es ist, Dinge, die nicht mehr passen, abzuschließen, damit das Neue Platz hat – in den Gedanken, im Körper und im Leben.
Kapitel 7
Der Businessplan
Wir sitzen am Tisch vor dem alten Haus und geniessen die ersten Frühlingssonnenstrahlen. Ein weiterer Lieblingsplatz von mir. Durch das Fenster kann man in die Küche schauen. Es könnte auch als Durchreiche dienen – später. Jetzt sitzt meine Assistentin und ich hier, damit wir den Businessplan erarbeiten können. Ich bin kreativ und mein Kopf ist voller Ideen dafür – mir fehlt das Talent zu Strukturieren. Um ein Projekt zum Laufen zu bringen, braucht es Ideen und eine strukturierte Strategie. Dazu habe ich meine Assistentin. Sie ist an meiner Seite, erledigt all die Fleißarbeit, bei der mir sämtliche Geduldsfäden reißen.
Vor einem Jahr habe ich sie angestellt – erst für eine Stunde pro Woche. Dann wurde es stetig mehr und jetzt macht sie sämtliche Bürokratiearbeit für mich.
«Ich zeig dir, was ich mir vorstelle, wie meine Pläne sind, und du sagst mir, wie wir daraus einen Businessplan ausarbeiten", starte ich enthusiastisch. Sie lächelt amüsiert, weil sie weiß, was jetzt kommt: ein wildes Durcheinander an bunten Plänen und verspielten Träumereien.
Ich öffne die kleine knarrende Holztür. Wir stehen im großzügigen Eingangsbereich. Von hier geht es in die Küche, die Waschküche, das Esszimmer, welches verbunden ist mit der Stube. Eine große Treppe führt in die obere Galerie.
«Neben der Treppe passt wunderbar ein gläserner Fahrstuhl rein, der die Gäste in den 1. Stock bringen kann, wenn nötig.» sage ich. Johanna notiert alles stillschweigend in ihr Notizbuch und folgt mir nach oben. «Hier» ich zeig auf ein kleines Zimmer neben der Treppe «wird ein kleines Einzelzimmer sein. Und daneben» ich öffne die Tür rechts davon, «werden zwei weitere Zimmer entstehen.» Hinter der Tür zeigt sich ein großer, heller Raum. Das Näh- und Arbeitszimmer meiner Großmutter.
«Weiter den Gang entlang befinden sich drei weitere Schlafzimmer und ein Badezimmer. Am Ende der Treppenhaus-Galerie befindet sich ein großer Balkon, welcher entweder ebenfalls zu einem Schlafzimmer umgebaut werden kann oder weiteres Badezimmer werden könnte. Eine Sauna wäre natürlich auch schön, aber ich träume von einer Holzsauna direkt am Badeteich unten. Also besser duschen und WC hier rein.»
Wir kehren dem Balkon den Rücken zu und sehen direkt auf die Tür zum Dachboden. «Im Dachboden könnte man eine komplette Loft unterbringen. Keine Ahnung, was ich damit machen soll. Vielleicht entstehen hier noch mehr Zimmer, wenn's läuft, was meinst du?" »Ich denke, wir machen daraus einen großen isolierten Raum. Damit wir dann ohne viel Baulärm Wände einziehen können für ein zusätzliches Zimmer. Das Dach muss wahrscheinlich auch gemacht werden. Ich notiere mir das.» sagt sie.
„Gute Idee, das macht Sinn“, sage ich und schließe die Tür zum Dachboden wieder.
Wir verlassen das Haus wieder und gehen zur angrenzenden Scheune rüber. Wir stehen vor einer stattlichen Schiebetür – unten aus Holz, oben aus Glas.
Ich schiebe die Tür auf, im Sonnenlicht tanzt der Staub.
Wir betreten den grossen Raum mit Betonboden und einer Treppe links vom Raum, die in einen weiteren Teil des Dachbodens führt. Ganz hinten im Raum wurde erst vor ein paar Jahren eine Wand eingezogen, dahinter befindet sich ein modernes Büro.
«Das Büro lasse ich mal so. Ich zeige dir nachher, wohin mein Büro kommt. Hier soll auf jeden Fall ein stimmungsvoller Gruppenraum entstehen. Eine Ausweichmöglichkeit bei schlechtem Wetter für mehrere Menschen.“
Dieser Raum könnte auch für Yogastunden oder Firmenanlässe verwendet werden.“ Ich mache eine große Geste nach rechts, als würde ich gleich etwas herbeizaubern.
„Da gibt es eine große Fensterfront mit einer Tür zur Sonnenterrasse.“ setze ich neu an und will weiter sprechen, als Johanna mir zuvorkommt:
„Sorry, ich brauch eine Pause. Es sind so viele Informationen, die müssen sich erst mal setzen – muss ich erst mal sortieren und aufs Papier bringen. Den Außenbereich schauen wir uns am Nachmittag an, ok?“
„Ja“, sage ich und bin kurz enttäuscht.
Naja, dann setz ich mich erst mal auf meine Lieblingsbank hier am alten Stall. Während ich einen Tee trinke, zeichne ich auf Papier den Garten.
Mitten im Garten, da wo jetzt bereits der alte Teich liegt, gibt es einen Schwimmteich mit einer kleinen Liegefläche aus Holzdielen.
Daneben eine Sauna in einem großen Weinfass. Sie wird mit Holz geheizt.
Links vom Weiher geht ein Weg aus Steinplatten hin zur Scheune – da, wo die Fensterfront einmal sein soll. Wird toll. Ich zeichne direkt an die Scheunenwand eine Terrasse, die umringt ist von einem Kräuterbeet.
Vor der Terrasse hat es vermutlich viel Wärme und genügend Licht für einen großen Garten.
Von oben, stelle ich mir vor, wird er wirken wie eine Sonne mit der Terrasse als Zentrum. Der Garten soll ein Ort werden, um zu verweilen und sich zu erden.
Ich möchte dann später Gemüse für den eigenen Bedarf anbauen. Denn die Gäste sollen jeden Abend frisch bekocht werden.
Zudem möchte ich mit Pflanzen wie Stachelbeeren, altem Getreide oder Öl-Pflanzen experimentieren und Produkte damit herstellen.
Erdbeeren stehen auf jeden Fall fest! Ich freue mich riesig und hüpfe fast vor Freude von der Bank beim Gedanken an den wundervollen Garten. Die Weide auf der anderen Seite des Schwimmteichs ist ein perfekter Ort für Obstbäume und Schafe. «Ach, wie schön wäre es, hier Schafe zu haben.» Versunken in meine Gedanken und Träume, merke ich gar nicht, wie die Zeit vergeht.
„Es kann weitergehen“, holt mich Johanna aus meinen Träumereien.
Ich zeige ihr die Skizzen. Sie schlägt vor, einen kleinen Steg in den Teich hinaus zu bauen und eine Sauna direkt an die Plattform anzuschließen.
Wir stehen auf, und ich zeige ihr, wo später mein Büro hinkommen könnte. Der alte Geräteschuppen, der an einen Schiffscontainer erinnert, wäre absolut perfekt als Büro. Allerdings müsste man ihn sanieren.
«Die Geräte können auch hinten im Wald in einem schönen Schuppen verstaut werden.
Eine weitere Möglichkeit wäre, sie hinter dem Haus unterzubringen, aber da stelle ich mir einen Duftrosenraum vor. Einen besonderen Ort, der durch ein kleines Tor erreichbar ist. Rundherum blühen duftende Rosen, in der Mitte stehen ein Tischchen und zwei Stühle. Hier können Gespräche geführt und vielleicht Initiationen stattfinden. Die Rosen tragen ihren Teil zur Atmosphäre bei.»
So viele Ideen – ich bin ganz aufgeregt. Ich liebe diesen Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Alles scheint möglich, alles wirkt zauberhaft. Frei, durchlässig – so fühlt es sich an.
Doch dann bringt mich Johanna mit einem sanften Hinweis auf die finanziellen Grenzen wieder zurück auf den Boden. Ich bin so froh, sie gefunden zu haben.
Sie lässt mich träumen und macht vieles möglich, aber sie weist mich von Zeit zu Zeit sanft und bestimmt, auf die Grenzen hin.
Auf der alten Weide hinten, die an ein Wohnquartier angrenzt, möchte ich – neben dem Nussbaum, den noch mein Großvater gepflanzt hat – Obstbäume setzen und ein paar Schafe halten.
Schafe sind unglaublich feinfühlige Wesen, und ich weiß, dass sie Heilung bringen können.
Dieser Ort wird Heilung bringen – auf ganz unterschiedliche Weise:
Durch die Gartenarbeit, durch Spiritualität, durch die Nähe zur Natur und damit zu sich selbst.
In diesem Moment spüre ich, dass alles möglich wird, wenn ich diesen einen Traum lebe.
Kapitel 8
Los geht’s
Ich stehe vor einer Wand voll von Zetteln. Die alte Holzwand in der stillgelegten Schreinerei hat wohl schon meinem Großvater als Pinwand gedient. Die Holzwand ist übersät von kleinen Einstichen und meinen bunten Zetteln. Die Arbeit am Businessplan hat meine Ideen fließen lassen, und ich versuche, Ordnung reinzubringen. Wie das Haus und der Garten aufgebaut sein sollen, welche Räumlichkeiten und Elemente entstehen sollen, ist klar. Wie ich mit den Menschen arbeite und mit welchen Angeboten ich rausgehe, ist in diesem Moment die Frage.
Ich klebe Zettel, schreibe wieder einen neuen und sortiere sie um. Einen geräuschvollen Atemzug ist zu hören, als ich einen Schritt zurückmache und auf die Wand blicke. Es haben sich vier Zettelgruppen gebildet. Ich nehme vier Zettel und schreibe auf eines „Retreat-Übernachtungskunden“. Auf ein zweites notiere ich „Jahreskreisfeste“, so wie es mir die Bienenpriesterinnen geraten haben: „Richte Jahreskreisfeste aus, das wird dich unterstützen, deine Aufgabe zu leben. Wir werden da sein.“ Auf einem weiteren Zettel steht kurze Zeit später „Tageskunden“, das sind meine bisherigen Stammkundinnen und Menschen aus der Umgebung. Sie werden sich bei mir persönlich weiterentwickeln und tief in ihre persönlichen Themen mit mir eintauchen, und nach Zeit mit mir wieder nach Hause gehen. Anders als die Retreatkundinnen, die eine mehrtägige Auszeit oder zur Erholung nach einer Krankheit oder um mit ihrer Krankheit, ihren Schmerzen umzugehen, lernen möchten. Im Retreat werde ich sie begleiten, sich von Altem Belastendem zu verabschieden, zu heilen und einen Neuanfang zu wagen. Als Gegenpol und um meine Arbeit, den Hof, bekannt zu machen in der Umgebung, schreibe ich auf den vierten Zettel „Produkte und Besenbeiz“. Ich liebe es, Dinge zu kreieren, Salze oder Tees herzustellen, das möchte ich hier unbedingt als Nebenprodukt anbieten. Die Kundinnen können ein Andenken oder ihren Liebsten ein kleines Geschenk von hier mitbringen. Zudem möchte ich Safran und andere unkonventionelle Dinge anbauen und verkaufen. Ein Schönwetter-Restaurant, das im Sommer einlädt, auf dem Hof zu verweilen, vielleicht mit Open-Air-Kino oder Konzerten kombiniert.
Ein paar Minuten stehe ich einfach so da, blicke über das gesamte Werk und bin glücklich über meine Kreativität. Die Fülle der Ideen erfüllt mich.
„Was wird aus meinen Online-Kursen?“ blitzt ein Gedanke auf. Sie haben mir in den letzten Jahren viele Kundinnen und das Geld zum Leben gebracht. Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten, sie auf ihren ureigenen Weg zu begleiten, und ich habe mich daran gewöhnt, dies auch online zu tun, um mehr Menschen zu erreichen. Trotzdem war die digitale Welt nie meine. Ich liebe das Analoge, das Direkte und das Nahbare.
Ich schrecke hoch, als die Tür quietschend aufgeht. Johanna kommt rein, um etwas über den Umbau zu fragen. Denn während ich Ideen kreiere, jongliert sie mit Zahlen und Worten, damit wir nächste Woche mit dem Businessplan zur Bank und einer Stiftung gehen können, um das Projekt vorzustellen. Bevor sie etwas fragen konnte, fragte ich sie: „Was soll ich mit den Online-Angeboten machen?“
„Genau darüber wollte ich auch mit dir sprechen. Die Online-Kurse sind erfolgreich, und wir könnten sie der Bank als sichere Einnahmequelle anbieten. Tatsächlich können sie besonders in der Anfangszeit die Kosten decken, bis der Hof sich selbst tragen kann.
Zudem bleibst du mit deinen Kundinnen in Kontakt und kannst sie weiterbegleiten, während hier noch wenig Betrieb ist.» «…und wenn es mir irgendwann zu viel ist, kann ich sie beenden mit der Einladung, dass sie gerne hier weiter mit mir zusammenarbeiten können.» beende ich ihren Gedanken.
Ich stelle ihr mein Konzept der zukünftigen Angebote vor und sie schreibt mit, damit sie diesen Teil ebenfalls einfliessen lassen kann. Ich bin so froh um Johanna, ihre Arbeit wäre echt nichts für mich und sie macht es mit Leidenschaft. Zum Glück haben wir Menschen nicht alle die gleichen Fähigkeiten und Interessen.
Kapitel 9
Mit dem alten Haus im Gespräch
Der Umbau ist in vollem Gange. Es ist Ende März und tatsächlich muss nun alles zügig gehen. Die ersten Buchungen sind unerwartet früh eingetroffen und im Juni ist die Eröffnung mit zu Mittsommer, alle sind eingeladen: Kundinnen, Freunde, Familie und andere Unterstützer. Es gibt sehr viel zu tun, und ich bin täglich zehn Stunden hier und arbeite mit, wo ich kann. Mein Mann hat sich zwei Monate frei genommen, arbeitet auf der Baustelle mit und organisiert den Familienalltag. Was würde ich ohne ihn machen? Wenn alle Kinder in der Schule sind, kommt er für drei Stunden auf die Baustelle und packt mit an. Danach kocht er für die Kinder und macht den Haushalt, bis ich am frühen Abend wieder nach Hause komme.
Meine Lieblingszeit am Tag und auf der Baustelle ist, bevor alle Handwerker beginnen und es laut wird im Haus. Eine Stunde, bevor der Tag erwacht, sitze ich in der Küche mit einem heißen Kakao. Pläne, Notizen und To-do-Listen sind auf dem Tisch ausgebreitet, und ich verschaffe mir einen Überblick über Baufortschritt und anstehende Arbeiten.
Nachdem ich den Kakao ausgetrunken habe, stehe ich auf, verstaue die Unterlagen im geheimen Büro und gehe andächtig durch das stille Haus. In den letzten Wochen ist das zu einer geliebten Routine geworden. Ich gehe durchs Haus, berühre die Wände, die verbliebenen alten Möbel, den Kachelofen und spüre den alten Boden, der schon so viel erlebt hat. Ich spüre ihre Seele und höre ihren Erzählungen zu. Das alte Haus hat so vieles erlebt und unendlich viel zu erzählen. In den Dokumenten ist wenig bekannt über den Hof vor der Zeit meiner Großeltern. Das Haus, der Kachelofen und die Möbel erzählen mir die vergessene Geschichte täglich weiter. Ich sitze wie jeden Morgen auf der Treppe nach oben und warte, bis ich sie höre - ein Heft auf den Beinen und den Stift in der Hand.
Heute lese ich zum ersten Mal, was ich in den letzten Tagen aufgeschrieben habe:
„Im Laufe der Jahre habe ich viele Generationen gesehen. Kinder, die hier aufwuchsen, spielten im Hof, lernten den Umgang mit den Tieren und die Arbeit auf dem Feld. Manche Familien blieben nur eine Generation, andere lebten hier über Jahrzehnte. Ich habe die Stimmen von Menschen gehört, die lachten, weinten, beteten und ihre Geschichten erzählten.
Während der Zeiten des Wandels, wie der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, habe ich mich kaum verändert, doch draußen auf den Feldern gab es neue Maschinen, die die Arbeit erleichterten. Ich habe die Ankunft von neuen Technologien gesehen, aber auch die Zeiten, in denen die Menschen wieder mehr auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauten.
Der Krieg hat auch Spuren hinterlassen. Manche Familien mussten ihre Lieben verabschieden, andere kehrten zurück mit Geschichten von Mut und Hoffnung. Ich war immer still und geduldig, während das Leben um mich herum in Bewegung war.
In den letzten Jahrzehnten hat sich vieles verändert. Moderne Geräte kamen, und die Welt wurde kleiner. Doch ich bin geblieben, ein Zeuge der Vergangenheit und ein stiller Begleiter für die Gegenwart. Ich bewahre die Erinnerungen an die Menschen, die hier lebten, und freue mich, wenn du meine Geschichte weiterführst.“
Als ich alles gelesen habe und aufstehen wollte, weil sich die Stimme des Hofs heute nicht zu erheben scheint, erzählt er seine Geschichte unbeirrt weiter, als ob er darauf gewartet hätte, bis ich zu Ende gelesen habe:
«Bevor dein Großvater kam, hatte ich schon aufgegeben, fast 50 Jahre stand ich leer. Die alten Besitzer waren gestorben. Die Frau, die du im Traum gesehen hast, war die letzte Besitzerin und hat auf mich aufgepasst, solange niemand da war. Dein Großvater verstand sein Handwerk und hauchte mir neues Leben ein. Dass er den Kachelofen ausgebaut hat, habe ich allerdings bedauert, und es rührt mich, dass er genau so wichtig ist. Deine Großmutter wollte ihn behalten, weil sie spürte, dass er mir wichtig ist. Doch dein Großvater hatte das letzte Wort. Ich habe ihm verziehen, da er mich vor dem Zusammenbruch bewahrt hat und mich geehrt und geachtet hat. Mich und das Land um mich herum. Deine Familie ist ein Segen für mich.»
«Kannst du mir etwas über deine Bewohner erzählen?» frage ich tief berührt. In diesem Moment geht die Tür auf, und das Team der Holzbauer kommt herein. Ich weiß, morgen wird mir das Haus mehr erzählen.
Kapitel 10
Eine böse Überraschung
Ich sitze im Büro, versuche all die To Dos aufeinander abzustimmen. Wann sind die Holzbauer fertig und können durch die Maler abgelöst werden? Wann brauchen wir welche Materialien und Möbelelemente? Eine Logistik, die ich teilweise Johanna weitergebe und teilweise, möchte ich Dinge nicht aus der Hand geben, damit ich den Überblick behalte. Ich bin vertieft in die Planung der Küchenlieferung, als das Licht ausgeht, was nicht weiter beunruhigend ist. Auf einmal höre ich einen lauten Ausruf, der sich, so viel ich durch die Wände hören kann, wie ein Fluchen anhört. Dann reges Stimmengemurmel. Ich greife zum Handy und dem Schlüssel und gehe durch die alte Werkstatt auf den Hof und hinüber zum Wohnhaus. Die Tür ist offen und ich gehe hinein. Alle Handwerksteams sind in der Küche versammelt. Die Küche ist leergeräumt und die Sanitärleute sind dabei, die Leitungen freizulegen, denn wir wussten alle, dass in einem alten Haus Strom- und Wasserleitungen ein Problem sein können. Aber das hat niemand erwartet. Unter den Wasserleitungen ist die Wand feucht und Kabel hängen lose daneben. «Wer macht denn sowas?» höre ich jemanden sagen, der erst gerade dazu kommt. Allen ist klar, dass das nicht ein Relikt aus alten Zeiten ist, das muss beim letzten Küchenumbau vor 35 Jahren gemacht worden sein. Mir wird auf einmal klar, woher der leicht moderige Geruch kam, der den Charakter dieser Küche für mich als Kind ausgemacht hat. Ein Sanitär kommt vom Eingang dazu. Er war im Keller und erklärt, dass die Wand unter der Küche einer Tropfsteinhöhle gleicht. «Dass das nie jemand gemerkt hat», denkt er laut. Ich weiß, wieso, der Keller wurde kaum genutzt, weil er zu feucht war, um etwas zu lagern. «Das muss getrocknet werden und die Wände von einer Fachperson geprüft werden. Das braucht mindestens zwei Wochen. Zudem müssen die Leitungen in allen Zimmern neu verlegt werden. Erst Wasser, dann Stromleitungen.» Ich muss mich setzen, alle wussten, dass es solche Überraschungen bei einem alten Haus geben kann, und es war der Grund, weshalb mein Mann und ich schließlich ein Haus bauten und kein Altes kauften. Doch in diesem Moment wird mir schwindlig beim Gedanken an die Kosten und an die näher rückende Eröffnung. Es hilft nichts, da müssen wir jetzt durch. Alle machen sich wieder an die Arbeit, nur ich gehe in den Garten unter die alte Föhre. Überrascht sehe ich, dass meine Großeltern beide dasitzen und mir entgegenblicken. Ohne mich zu setzen, es ist ja eh kein Stuhl mehr frei, beginne ich vorwurfsvoll: «Wieso habt ihr nichts gesagt, ihr habt es gewusst, oder?» «Ja, wir haben es gewusst, und wir sehen den Plan, der hinter dem Ganzen steht. Es wird alles gut, alles ist für etwas gut, du wirst sehen.» Bevor ich mein «Aber» hervorbringen konnte, waren sie schon weg. «Ja genau, immer wenn’s ungemütlich wird, verschwindet ihr…» rufe ich wütend ins Nichts. Ich setze mich, lehne mich zurück und beginne zu weinen. Ich weine all die Verzweiflung aus mir heraus, bis keine Träne mehr fließt. Und dann höre ich die Stimme meines Großvaters in mir nachklingen: «Wir sehen den Plan dahinter.» «Es wird für etwas gut sein.» kommt wie aus dem Nichts ein Gedanke in mir hoch.
Kapitel 11
Runen
Ich muss nachdenken. Wie in Trance fahre ich zum Hof. Wilde Träume suchen mich bereits in meiner Kindheit heim. Seit ich dieses Haus geerbt habe, sind die Träume noch intensiver geworden. Die Botschaften sind klar. Diese Nacht wurde ich von Druiden in die Magie der Zeichen eingeweiht. Wir saßen auf den Hügeln Englands, die bedeutungsvollen Zeichen vor mir ausgebreitet. Es sind viel mehr als ein paar Runen, die man in Esoterikbüchern kennt. Die Zeichen haben mich in Vergangenheit angezogen, das habe ich gespürt, aber jedes Mal, wenn ich mich damit beschäftigen, lenkte mich etwas davon ab, als wollte mich irgendetwas davon abbringen, die tiefere Bedeutung zu verstehen. Alles, was in Büchern steht, ist Hokuspokus, scheint mir nicht echt zu sein – irgendwie aufgesetzt. Auch die Idee von guter und böser Magie widerstrebt mir und scheint nicht wahrhaftig zu sein. Ich habe gespürt: «So war das nicht gemeint.» Runen und alle anderen Zeichen, die vor mir liegen, gehen tief bis auf die Knochen und in all unsere Systeme. Sie wirken auf uns und sind heilsam. Ohne dass die Druiden etwas sagen, nehme ich wahr: Diese Zeichen werden intuitiv und situativ angewendet, ihre Bedeutung kann nicht in Worte gefasst werden, sie wird gespürt von den Eingeweihten und von denen, die ihre Wirkung empfangen dürfen. Ein Zeichen wirkt unterschiedlich, je nachdem, wohin es gemalt wird, für wen und von wem.
All dieses Wissen habe ich heute Nacht erhalten, ohne dass gesprochen wurde. Vielmehr ist das alte Wissen aus mir an die Oberfläche gekommen und hat meinen Körper geflutet. Ich habe Gänsehaut, wenn ich daran denke. Diese Erfahrung ging so tief. Eine solche Tiefe habe ich nie zuvor erlebt.
Mit diesen Gedanken fahre ich in die Hofeinfahrt. «Was hast du mit mir vor?» frage ich kaum hörbar. All dieses Wissen um die Toten, die Runen und die natürliche Heilung fasziniert mich, und gleichzeitig ist es eine unglaubliche Verantwortung, die mich fast umhaut. Wo fange ich an? Eigentlich ist das keine Frage, ich habe im Traum gesehen, wie ich damit arbeite. Ich werde für Personen heilende Amulette aus den Kieselsteinen der Bienenpriesterinnen erstellen und intuitiv Zeichen auf Körperstellen oder Gegenstände anbringen und damit Heilung unterstützen.
Kapitel 12
Der Keller
Ich stehe mit dem Statiker im Keller und er erklärt mir die Möglichkeiten, die es für die beschädigte Wand gibt. «Egal wie du dich entscheidest, es wird staubig, ich empfehle dir, alles rauszuräumen.» Ich sehe mich im schwachen Kellerlicht um. Überall stehen Kisten aus Holz und Karton, undefinierbare Teile und Obsthorden*, in den wohl einst die Ernte gelagert wurde. Alles voll und alles staubig und voll von Insektendreck. «Das kann ja heiter werden», denke ich laut und nehme eine erste Kiste in die Hände, nachdem das Gespräch beendet wurde. Zwei Wochen steht die Baustelle mehr oder weniger still. Ich nutze die Zeit, die ich sonst auf der Baustelle verbracht hätte, mit Keller ausräumen und sichten, ob noch irgendetwas davon brauchbar ist. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Tagen die alte Steintreppe zum Keller hinunter- und wieder hinaufgestiegen bin, um das alte Zeug erst mal in der Werkstatt zwischenzulagern. Wenn die Beine müde wurden, verzog ich mich in die Werkstatt und öffnete eine Kiste nach der anderen und sortierte aus. Ich habe mehrere Kisten alte zerfressene Nüsse und andere unappetitliche Dinge in die Mulde vor dem Haus gekippt. Danach hatte ich jeweils das dringende Bedürfnis, zu duschen. Es hilft nichts, der Keller muss leer werden, damit das alte Mauerwerk wieder aufgebaut und tragfähig gemacht werden kann.
Ein paar Tage später schleppe ich die letzte Kiste nach oben. Außer ein paar historischen Werkzeugen, Holzkisten und einer funktionstüchtigen Sense habe ich nichts Brauchbares geborgen. Insgeheim habe ich gehofft, irgendetwas Spannendes, eine Erinnerung an alte Bewohnerinnen oder gar einen wertvollen Schatz zu finden. Etwas enttäuscht und erschöpft greife ich zu Schaufel und Besen und steige die Kellertreppe hinunter. Ich wische mit dem Besen die Spinnweben von den Wänden. Warum ich das mache, kann ich dir nicht sagen, denn in ein paar Tagen wird sowieso alles wieder staubig. Es fühlt sich an wie ein kleines Ritual. Ja, ich habe das Gefühl, ich sei es dem vernachlässigten Keller schuldig, ihn von dem alten Schmutz und Staub zu befreien. Jetzt, wo alles leer ist, wische ich fast ehrfürchtig das alte Gemäuer ab und bin fasziniert von der Bautechnik und dem Klima hier unten. Obwohl es kühl und leicht feucht ist, fühlen sich die Räume frisch und sauber an, wie ein Kühlschrank. Kein Wunder, werden solche Keller noch heute für das Lagern von Obst und Gemüse genutzt. Hier bleibt alles frisch. Den Keller möchte ich später wieder dafür nutzen.
Ich stelle mir in Gedanken vor, wie ich hier Sauerteigansätze, eigene Äpfel und Kohlköpfe aufbewahre und damit unsere Gäste verköstige – Essen, Getränke und Heilmittel aus eigenem Anbau. Ich schrecke aus meinen Träumen hoch, als mich ein plötzlicher Schmerz durchzuckt. Während meines gedankenverlorenen Wischens scheint sich ein Stein aus der Mauer gelöst zu haben und ist auf meinen Fuß gefallen. Aua! Das gibt mindestens einen blauen Zeh, denke ich mir, als mein Blick auf das Loch in der Wand fällt. Es scheint tief nach hinten zu reichen. Ich nehme das Handy hervor, schalte die Handylampe ein und leuchte in das Loch. Gänsehaut. Ganz hinten im Loch schimmert etwas Weißes. Es braucht etwas Mut, aber nach ein paar zögernden Sekunden greife ich ins Loch hinein. Es ist ein Stoffbündel. Es muss uralt sein. Eine Mischung aus Ehrfurcht und Gruselgefühl flutet meinen Körper. Ich leuchte noch einmal in die Lücke und sehe noch etwas. Ich greife hinein und ziehe ein Bündel Briefe hervor. Ohne auf den Staub zu achten, lasse ich mich auf den Kiesboden nieder und öffne das Stoffbündel.
*Obsthorden sind Regalelemente aus Holzlatten, die wie Kisten gestapelt und darin Obst oder Gemüse gelagert werden.
Kapitel 13
Schafe
Seit ein paar Jahren folge ich einem Projekt, welches Schafe bei sich aufnimmt, die sonst geschlachtet würden. Sporadisch waren wir über die Sozialen Medien in Kontakt, weil ich mehr wissen wollte über Schafe. In der tiergestützten Therapie werden sie als Wesen beschrieben, welche unglaublich viel Feingefühl haben. Besonders mit Menschen, die schwere Körperbehinderungen oder eine psychische Krankheit haben. Sie sind einfach da, fühlen sich wohlig weich an auf eine sorgfältige, sanfte und nicht überfordernde Art. Ich spüre ihre heilende Kraft schon seit Langem und trotzdem hatte ich bisher nie den Mut, Schafe zu halten. Es ist Zeit für einen Mutausbruch. Heute kommen drei Osterlämmchen auf den Hof. Lämmchen, die geschlachtet werden sollten, von Tanja gerettet wurden und für die sie ein neues Zuhause gesucht hat.
Ein Landrover mit einem Anhänger mit der Aufschrift «lebende Tiere» fährt langsam in die Hofeinfahrt. Ich stehe in der Küche und habe sie kommen sehen. Ich zittere vor Aufregung. Ich habe Angst es nicht zu schaffen. Diese Angst ist wie eine alte Bekannte, ich kenne sie gut, sie kommt ab und zu zu Besuch. Ich weiss, wenn ich die Angst begrüsse und dann trotzdem weitergehe, steckt darin ein kraftvoller Entwicklungsschritt. Ich lege das Küchentuch energisch auf die Ablage, richte mich auf, atme und gehe zur Haustür. Als ich sie öffne, steht Tanja bereits davor und wir begrüssen uns herzlich, obwohl wir uns zuvor noch nie live begegnet sind. Ich zeige ihr die Weide und sie fährt rückwärts zum Zauntor, damit die kleinen Hüpfer direkt in ihrem neuen Zuhause landen. Schafe haben hier auf dem Hof Tradition. Mein Grossvater liess Schafe von Schafzüchtern der Umgebung weiden auf den grossen Weideflächen, die früher zum Hof gehören. Auch in den letzten Jahren, waren auf der kleinen Weide an der Grundstücksgrenze regelmässig Schafe zu Besuch. Heute reicht die Weide für drei Schafe, weil viel Land im Laufe der Jahre verkauft worden ist. So werden meine Schafe auch ab und an zu Gast auf anderen Weiden sein müssen. Dieser Gedanken macht mich nervös, weil ich keine Erfahrung habe Tiere zu transportieren. Aber wie gesagt – ein Mutausbruch. Die Freude überwiegt, wenn ich dran denke die Schafe um mich zu haben, ihr Wesen zu spüren, ihre Wolle und ihren Dünger nutzen zu können. Wer weiss, vielleicht werden wir irgendwann auch ihre Milch kosten.
Zwei Minuten nach dem Ausladen, galoppieren die drei Kleinen über die Weide und schauen sich neugierig um. Ich habe Kaffee und Kuchen vorbereitet und wir entscheiden kurzerhand ein Tisch und zwei Stühle in die Weide zu stellen und uns zu den Schafen zu setzen. «Früher hätte ich an solchen Tagen, immer mein Mann an der Seite gehabt, weil ich unsicher war und Angst hatte es nicht alleine zu schaffen.» denke ich und freue mich, darüber heute selbstsicherer zu sein.
Wir sitzen am Tisch und Tanja erklärt mir, was ich in den ersten Tagen beachten soll. «So viele Infos.» denke ich ein wenig überfordert. «Ich bin so froh, dir begegnet zu sein.» sage ich, um die schlechten Gedanken zu vertreiben. «Ich freu mich, mit meiner Arbeit jemanden wie dich begeistern zu können und drei oder mehr Schafe ein zu neues Zuhause finden.» Sagt Tanja augenzwinkernd in der Hoffnung, mir bald mehr Schafe vermitteln zu können. Ich muss lachen, weil ich mich und meine Begeisterung kenne und es durchaus vorkommen kann, dass ich mich zu solchen Ideen hinreissen lasse. Trotzdem versichere ich ihr mit einem Lächeln, dass es bei den Dreien bleibt. Ich stelle ein paar weitere Fragen und bald darauf steigt sie mit den Worten: «und falls etwas ist, melde dich jeder Zeit bei mir.» Damit schliesst sie schwungvoll die Fahrertür und winkt. Ich bleibe alleine an der Weide zurück und sehe zu den drei Wollknäuel hinüber. Auf einmal scheint die Welt still zu stehen als hätte jemand das Radio stumm gestellt. Einmal mehr stellt sich das tiefe Gefühl von Angekommensein ein.
Kapitel 14
Hüterin der Steine
Nächste Woche ist Eröffnung. Mittsommerfest mit all meinen Wegbegleiter*innen, früheren und aktuellen Kundinnen. Seit einiger Zeit weiss ich, bevor es hier losgeht, ziehe ich mich alleine zurück. Begreifen, was alles geschehen ist und was jetzt wichtig ist an diesem Wendepunkt an dem ich stehe.
Ich bespreche mit meiner Assistentin, was bis zum Fest noch alles vorbereitet werden muss, fahre nach Hause um ein paae Dinge zu packen und mich von meiner Familie zu verabschieden und laufe los zum Bahnhof. Ursprünglich habe ich vor mich für ein paar Tage hier in der Umgebung in den Wald zurück zu ziehen und zu empfangen, was jetzt wichtig ist. In den letzten Tagen wurde klar, ich muss die Auszeit gehend verbringen. Deshalb nehme ich den Zug Richtung Zürich und fahre weiter nach Chur in die Surselva. Mein Ziel ist es, dem Oberrhein zu folgen. Ich folge Schritt für Schritt kleinen Wegen direkt am Fluss. Ich spüre eine unbändige ursprüngliche Kraft. Mit jedem Schritt verschwinden Zweifel und Nervosität. Ich lade Zuversicht und Ruhe ein mich zu erfüllen. Ich entspanne mich, kann mich mit der Urkraft der Landschaft verbinden. Ich komme ins Gespräch wie alte Freunde. Bald breitet sich ein Gefühl von getragen sein aus. Ich atme tief ein und aus und geniesse das sein und den Weg. Nach einer Weile setze ich mich auf den steinigen Uferboden und nehme einfach wahr, werde eins mit mir und der Natur um mich herum. Ich bin ganz da, spüre den Boden, sehe, höre und doch nicht ganz auf dieser Welt. Ich atme die Energie des Landes ein und gebe meine an die Umgebung ab. Bald sind wir eins, es gibt keine Grenzen, alles ist durchlässig. Ich bin verbunden mit den Steinen, dem Wasser und dem Himmel. Aus dem Nichts tauchen Hüterinnen der Steine auf und setzen sich im Kreis zu mir. In unserer Mitte brennt ein Feuer und hinter uns stehen Wölfe in einem Kreis um uns. Sie strahlen Schutz und Kraft aus. Alles fühlt sich vertraut an, als wäre es eine alltägliche Situation.
Eine der Hüterinnen beginnt zu singen. Dieser Gesang lässt meinen Körper vibrieren. Die Vibration ist so stark, dass ich mich hinlege, um es auszuhalten. Ich spüre die Steine, spüre ihre Urkraft und ihre Energie, die in mich hineinfliesst. Diese Urenergie sammelt sich in meinem Unterbauch in Form eines Kristalls. Ich öffne die Augen, sehe mein Körper leuchten – ich leuchte. Ich stehe auf als wüsste ich, was zu tun ist. Ich hebe die Hände gegen den Himmel und gebe schliesslich den Hüterinnen neben mir die Hände. Dieses Licht scheint kristallklar durch den Kreis in die Umgebung. Ich gebe mich den Geschehnissen hin. Die Steine beginnen zu sprechen
«Wir sind das Urwissen der Welt. Es ist Zeit, dass du dieses Wissen weiterträgst und für die Menschen wieder zugänglich machst. Einst war jedes Kind in unser Wissen eingeweiht – lang ists her.
Die Menschen brauchen dieses jahrtausendalte Wissen, welches sie erkennen lässt, alles ist im Wandel, vieles bricht auf, die Erde bebt und bringt damit den Menschen ihre Kraft zurück. Gebt euch den Beben hin, lasst sie euch durchrütteln. Auch in euch wird es etwas wachrütteln und nicht Brauchbares von euch abbrechen. Habt Vertrauen – die Beben werden euch Menschen befreien. Du – zeig den Menschen, wie die Beben sie befreien können.»
Ich erwache von der frischen Luft. Gerade eben habe ich die Wärme eines Wolfes gespürt, der neben mir gelegen haben muss. Ich sehe mich um und stelle fest, dass ich wohl die ganze Nacht hier gesessen habe und irgendwann eingeschlafen bin. Von den Wölfen und den Hüterinnen der Steine ist nichts mehr zu sehen. Ich fühle mich verkatert und erfüllt gleichermassen. Neues Wissen lebt in mir.
Ich stehe auf, ziehe mich aus und setze mich in den kalten Fluss. Die prickelnde Kälte des Wassers holt mich wieder ganz auf die Erde zurück. Nach ein paar Minuten gehe ich aus dem Wasser, ziehe mich an und mache mich auf den Weg zum nächsten Bahnhof.
Kapitel 15
Die Verwandlung
Ich gehe durch das Tor, das Kribbeln im Rücken beginnt und dehnt sich als gewaltige Energie in meinem Körper und darüber hinaus aus. Von einem Moment auf den nächsten fühle ich mich grenzenlos und unendlich weit. Ängste und Zweifel habe ich wie Schlangenhaut abgestreift. Was bleibt ist mein pures Sein. Im gleichen Moment habe ich Zugang zu uraltem längst vergessen geglaubtem Wissen, welches von grosser Bedeutung ist für meine Arbeit, Menschen zu heilen und sie auf ihrem Weg in ihre Kraft zu begleiten. Das Wissen ist das Wissen der Erde, meiner Ahninnen, des Himmels, der Pflanzen und von mir selbst. Alles ist eins, es fliesst in mich und aus mir hinaus, wie ein von der Sonne glitzernder Fluss. In diesem Zustand bin ich Heilerin und Magierin, Wegbegleiterin für Menschen, die sich in der Hektik des Alltags verloren haben und die innere Unruhe sie krank oder müde gemacht hat. Bevor ich Menschen empfange, setzte ich mich in die Mitte des Gartens hinter dem Tor. Dieser Ort wirkt als wäre er beleuchtet. Zeit zu spüren, was sich zeigt, für die Menschen, die später durch das Tor schreiten und mit mir in die Natur und damit in sich selbst eintauchen werden. Um ihre Urfrau und das verborgene Wissen in sich selbst zu erkennen. Ich stehe auf und warte in meiner ganzen Präsenz dem Tor zu gewannt auf den Menschen, mit dem ich heute arbeiten werde. Ich erkenne sie in inrer Ganzheit, spüre sie in ihrer Essenz und empfange ihn voller Liebe und Respekt.
Die Reaktionen der Menschen, die zu mir kommen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Die einen kennen mich und wir umarmen uns erwartungsfroh, andere sind skeptisch, die Anspannung ist ihnen ins Gesicht geschrieben und wieder andere versuchen nach aussen offen und bereit zu wirken, sind innerlich jedoch auf Distanz. Viele von ihnen haben in diesem Moment Angst vor ihrer eigenen Courage.
Ich weise sie an sich um das erloschene Feuer zu stellen und gebe jeder Frau ein Bündel Holz in die Hände und bitte sie damit ein Feuer zu entzünden. Ein Ritual für den Start einer tiefgehenden Reise für die neuen Menschen und welche ich schon Jahre begleite. Eine nach der andern schichtet ihr Holz zu einem Feuer. Thea, die seit kurzen auf dem Geschichtenhof lebt, bitte ich das Feuer anzuzünden, das wird ihr Kraft geben – das Feuer auch in ihr drin wieder entzünden. Dieses Feuer wird ein kraftvolles Symbol sein in den inneren Weg, den diese Frauen vor sich haben. Ein Naturprogramm im November zu starten, ist intensiv, da sich verschiedene Welten, vermischen und das Wetter herausfordernd sein kann. Grenzerfahrungen bringen Menschen dahin, wo echte Entwicklung möglich wird. Alle warten gebannt auf die erste Flamme. Eine konzentrierte und mystische Stimmung begleitet den ersten Funken zur Flamme.
Kapitel 16
Vertrauen
Ich sitze mit Thea im herbstlichen Rosenzimmer, welches ein kleiner Ort hinter dem Haus ist mit zwei Stühlen und einem Tischchen umrundet mit duftenden Rosen in weiss und rosa. Wenn ich merke Kundinnen brauchen Entspannung und mehr Verbindung zum Herz, dann treffe ich mich mit ihnen zur Energiearbeit im Rosenzimmer. Ich selbst atme tief ein und geniesse diese wohlige Wärme und Geborgenheit, die mich sofort umhüllt, wenn ich den Raum durch den Rosenbogen betrete.
Thea öffnet gerade die Augen nach einer Meditation, durch die ich sie hindurchgeführt hat. Sie erzählt mir, wie es für sie war und welche Erkenntnisse sie daraus gezogen hat. «Vertraue, vertraue deinen Kräften, deinen Körper heilen zu können. Es ist noch nicht zu Ende.» sagt sie mit einer Stimme, die klingt als wäre sie nicht zurück aus dem Trancezustand. «Diese Worte habe ich immer wieder gehört, nein, mehr gespürt als gehört.» Sie sitzt nachdenklich mit Blick ins Nichts da. «Wie machst du das, wie hast du gelernt zu vertrauen. Du hast ja erzählt, dass das für dich auch lange schwierig war. Wie hast du es geschafft?» «Bevor ich dir erzähle, was mir geholfen hat. Vorne weg: Es gibt auch heute noch Situationen oder Momente, in denen ich von der Angst und Zweifeln überfallen werde. Auch das gehört zum Leben. Was mir geholfen hat und immer noch hilft, ist das Leben aus dem Herz hinaus zu betrachten und nicht aus dem Kopf. Als würden meine Augen im Herz sitzen und nicht im Kopf. Das was ich sehe, ich denke und spreche kommt so nicht aus dem Kopf, sondern aus meinem Herz.» «Das klingt wunderschön - wie eine Umarmung.» sagt Thea und ich höre ihre Zweifel in ihrer Stimme, dass sie das irgendwann könnte. Deshalb erkläre ich ihr: «Versuche heute mal bei allem, was du machst, dir vorzustellen, dass du aus deinem Herz auf deine Handlungen schaust und deine Arme und Hände das tun, wozu dich dein Herz einlädt. Am besten geht das, wenn du entweder mithilfst Kräuter abzufüllen oder du Maurus im Garten zur Hand gehst.» Ich mache eine Pause um zu sehen, wie es bei Thea ankommt. Ich spüre ein positives kribbeln bei ihr und fahre weiter: «Du wirst sehen, alles was du tust, fühlt sich wie ein Gebet an, Freude, Zuversicht und Dankbarkeit stellt sich ein. Du bist eins mit dir, deinem Herz und deinen Handlungen. Das ist vollkommenes Vertrauen.»
Kapitel 17
Thea
Ein Taxi fährt vor und eine zerbrechliche Frau steigt aus. Ich komme aus dem Büro, da ich sie erwartet habe. Meine erste Besucherin, die für längere Zeit hier wohnen wird. Ich sehe meine Grosseltern wie sie Thea links und rechts stützen und sie auf dem Weg zum Haus begleiten. Ich gehe auf sie zu und nehme sie in den Arm. Das hätte ich früher nie gemacht, eine wildfremde Frau umarmt, aber die Menschen brauchen mehr Berührung und das Gefühl umarmt und geborgen zu sein. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, wie wichtig es ist Distanz zu den Klient*innen zu wahren, in dem man sie kaum berührt und Nähe nicht zu lässt. Heute weiss ich, Menschen brauchen nichts mehr als Nähe und diese Nähe zulassen, heisst für mich nicht automatisch, dass ich mich nicht abgrenzen kann. Ich gehe sehr bewusst mit der Nähe um und achte darauf, die Grenzen der anderen und von mir zu wahren und mit meiner Nähe nicht übergriffig zu sein. Jeder Mensch ist anders und verträgt Nähe unterschiedlich. Thea verschwindet fast in meinen Armen und obwohl ich auch klein bin, muss ich aufpassen, dass ich sie nicht erdrücke. «Herzlich willkommen!» sage ich noch einmal «ich zeig dir dein Zimmer». Zum Glück habe ich auf den Aufzug bestanden, als es darum ging das Haus zu sanieren. Thea hätte die 20 Tritte in ihr Zimmer nicht geschafft. Sie hat Krebs und kommt zur Erholung nach der fünften Chemo. Sie ist müde und möchte endlich das Ende des Tunnels sehen. Ihre Kraft schwindet, das sehe ich und ich bin nicht sicher, wie lange sie noch durchhält. Ihr Wunsch ist Erholung und einen neuen Zugang zu ihrem Körper bekommen, den sie, wie sie selbst gesagt hat, nie verstanden und gemocht hat.
Wir steigen zusammen in den Aufzug und gehen in ihr Zimmer. Ich gebe ihr den Schlüssel, lege ihr den Zettel mit den wichtigsten Informationen auf den Schreibtisch und verabschiede mich mit den Worten «Wenn was ist, komm einfach runter in die Küche.» Ich steige die Treppe hinunter und bereite in der Küche eine Kaffeerunde vor. Im Moment koche ich selbst und habe einen Gärtner/Hauswart angestellt und eine Reinigungskraft, die mich unterstützen. Für Thea werde ich in der ersten Woche ayurwedisch kochen, damit ihre Lebenskraft durch das Essen wieder zurückkommt. Denn als aller erstes muss sie wieder zu Kräften kommen. Bevor wir zusammen rausgehen können und ich energetisch mit ihr arbeiten kann und das Vertrauen in ihren Körper wieder zurückkommen kann. Ich koche einen Gewürztee und bereite einen ayurwedischen Dessert zu. Als ich fast fertig bin höre ich Schritte und decke den Tisch im Esszimmer. Yvonne die Gärtnerin kommt gleichzeitig mit Thea in den Eingangsbereich. Als ich aus dem Esszimmer komme, unterhalten sich die beiden. «Wunderbar ihr habt euch schon bekannt gemacht. Kommt ins Esszimmer und wir essen eine Kleinigkeit zusammen. Den Nachmittagskaffee werden wir stehts zusammen geniessen, habe ich mir vorgenommen, denn für die Gäste soll ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen. Auch das ein Wert, der in den letzten hundert Jahren verloren gegangen ist und die Menschen so dringend brauchen. Allein das Zusammensein und sich zugehörig fühlen, ist erholend und wirkt heilend.
Damit die Aufmerksam nicht zu stark auf die neue Bewohnerin ist, beginne ich mit Yvonne über den Garten und die zu erledigenden Aufgaben. «Zur Zeit ist Erntezeit.» sage ich an Thea gerichtet «die alten Obst und Nussbäume sind richtig ertragreich. Also wundere dich nicht, wenn es ab und zu Apfelgerichte mit Baumnüssen gibt. Ich zeig dir sobald du magst den Garten.» «Oh ja, ein bisschen Bewegung an der frischen Luft würde mir jetzt gut tun.»
Kapitel 18
Neue Energie für Thea
Thea liegt bequem auf dem Liegestuhl, dick eingepackt mit Wolldecken. Um sie herum eine kreisrunde Wand aus geflechteten Weidenästen, über ihr der blaue Herbsthimmel. Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Herbstsonne, frische Luft und goldig schimmernde Blätter an den Bäumen. Ich sitze neben Thea, die Augen geschlossen und mache scheinbar nichts. Ab und zu gleitet meine Hand knapp über ihrem Körper und mache Handbewegungen als ziehe ich an etwas.
Ich konzentriere mich auf ihren Körper und nehme Strukturen wahr, die verhindern, dass die Energie in Theas Körper fliessen können. Ich nehme in Theas Kopf sehr viel Energie wahr, die dort nicht wegfliessen kann und deshalb einen Druck bei ihr auslösen und verursachen, dass der Rest des Körpers schlapp und ausgelaugt ist. Thea hat vermutlich, wie die meisten von uns viel zu viel gegrübelt in ihrem Leben und kann das auch nicht loslassen, in diesem Moment, in dem sie im übrigen Körper keine Energie mehr hat. Die Energie bleibt im Kopf. Meine Hände wandern zum Hals, zum Nacken und schliesslich aufs Gesicht. Thea spürt meine Hände nur durch die Wärme, die sie ausstrahlen. Es braucht eine Weile, bis meine Hände verstehen, was zu tun ist. Ich ziehe mit meiner Vorstellungskraft die beiden Schädelplatten auseinander, nur so viel, dass die Energie entweichen kann. Danach spüre ich eine Energie im Hinterkopf, die nicht weg geht. Sie fühlt sich anders an, weicher und gleichzeitig unendlich kraftvoll – es ist Theas Lebensenergie. Mir kommen die Tränen. Diese Erkenntnis berührt mich tief. Ehrfürchtig bitte ich die Energie sich über die Wirbelsäule im Körper auszubreiten. Es scheint mir nicht richtig zu sein, dass ich sie in den Körper ziehe. Ich halte meine Hände über dem Brustkorb und warte ab. Theas Lebensenergie fliesst mit einer rhythmischen Bewegung Richtung Wirbelsäule und teilt sich da in einzelne weissschimmernde Fäden auf und fliesst entlang der Nervenbahnen in den restlichen Körper. Ich weiss nicht, wie lange ich so da gesessen habe, irgendwann öffne ich die Augen aus einem Impuls heraus und sehe wie die Theas Gesichtsfarbe von fahl grau auf rosig wechselt. So was habe ich selbst noch nie erlebt.
Kapitel 19
Steinkreisritual
Die Wege wie altes Wissen zu den Menschen zurückkehrt, sind oft unerwartet. Mit sechzehn kam das Wissen über das Steinkreisritual zu mir zurück durch eine Fernsehserie. Um Himmels Willen bildete das Leben von 5 Nonnen ab und einem Bürgermeister, der sie versucht aus dem Kloster zu vertreiben, damit er ein profitables Geschäft daraus machen kann. Pure Unterhaltung – lustig und leicht. In einer Szene begab sich eine Nonne zur Lösungsfindung in den Wald und verbrachte mehrere Tage in einem Kreis aus Steinen, den sie selbst gelegt hat und verbrachte mehrere Tage dort. Bis ihr die Lösung klar war. Ich war fasziniert davon. Obwohl es nur eine fünfminütige Szene war. Ich mass dem damals keine Bedeutung bei. Vergessen habe ich es nie. In den letzten Jahren hat mich das Ritual mehr und mehr gerufen. Ich habe es lange gemieden wie ein heisses Eisen dieses Ritual auszuprobieren. Erst als ich begonnen habe meiner grössten Freude zu folgen, habe ich es gewagt. Ich nahm eine Decke, mein Notizbuch und setzte mich ans Flussufer. Ich stellte den Wecker auf vier Stunden später.
Dann sass ich da.
Ich schaute mich um, genoss es aufs Wasser zu schauen und die frische Luft einzuatmen, eine Stunde ging das so, dann wurde ich unruhig. Was soll das eigentlich, sollte ich nicht besser etwas Sinnvolles tun? Nein ich will jetzt herausfinden, was es mit diesem Steinkreisritual auf sich hat! Ermahne ich mich. Solche Erinnerungen bleiben nicht ohne Grund im Kopf und dieser intensive Ruf danach – dem muss ich nachgeben. «Also bleibe ich» brumme ich vor mich hin. «Worauf brauche ich überhaupt eine Antwort?» drängt sich der nächste Gedanke in mein Bewusstsein. «Keine Ahnung, auf alles, aber mir fällt gar nichts ein» ging das Zwiegespräch weiter. Ich war leer als hätte ich eine Wand zwischen mir und meinem innen Leben. Da war nichts – ausser ein paar belanglosen Gedanken. Enttäuscht über die rein weltliche Erfahrung und darüber, dass ich mich wohl getäuscht habe. Es gab kein Ruf, kein altes Wissen. Dieser Gedanke war ein Stich ins Herz und gleichzeitig die Eintrittskarte in mein Unterbewusstsein. In diesem Moment war es, als wäre ich mit meinen Gedanken und Gefühlen einen Stock tiefer gerutscht. Wie Alice im Wunderland, die auf einmal ins Loch in die andere Welt gerutscht ist. Ich spüre diese alte Trauer nicht gesehen zu werden. Die Angst, dass das was ich glaube zu können nicht wirklich wahr ist. Ich war noch nie in irgendetwas gut. Die Hassrede gegen mich selbst ging weiter, bis ich klar und deutlich eine Stimme hörte: «Doch du konntest schon immer mehr wahrnehmen als andere. Stimmungen, den Wahrheitsgehalt hinter Aussagen. Du wusstest Dinge, die du nicht wissen kannst – schon immer.
Thea liegt bequem auf dem Liegestuhl, dick eingepackt mit Wolldecken. Um sie herum eine kreisrunde Wand aus geflechteten Weidenästen, über ihr der blaue Herbsthimmel. Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Herbstsonne, frische Luft und goldig schimmernde Blätter an den Bäumen. Ich sitze neben Thea, die Augen geschlossen und mache scheinbar nichts. Ab und zu gleitet meine Hand knapp über ihrem Körper und mache Handbewegungen als ziehe ich an etwas.
Ich konzentriere mich auf ihren Körper und nehme Strukturen wahr, die verhindern, dass die Energie in Theas Körper fliessen können. Ich nehme in Theas Kopf sehr viel Energie wahr, die dort nicht wegfliessen kann und deshalb einen Druck bei ihr auslösen und verursachen, dass der Rest des Körpers schlapp und ausgelaugt ist. Thea hat vermutlich, wie die meisten von uns viel zu viel gegrübelt in ihrem Leben und kann das auch nicht loslassen, in diesem Moment, in dem sie im übrigen Körper keine Energie mehr hat. Die Energie bleibt im Kopf. Meine Hände wandern zum Hals, zum Nacken und schliesslich aufs Gesicht. Thea spürt meine Hände nur durch die Wärme, die sie ausstrahlen. Es braucht eine Weile, bis meine Hände verstehen, was zu tun ist. Ich ziehe mit meiner Vorstellungskraft die beiden Schädelplatten auseinander, nur so viel, dass die Energie entweichen kann. Danach spüre ich eine Energie im Hinterkopf, die nicht weg geht. Sie fühlt sich anders an, weicher und gleichzeitig unendlich kraftvoll – es ist Theas Lebensenergie. Mir kommen die Tränen. Diese Erkenntnis berührt mich tief. Ehrfürchtig bitte ich die Energie sich über die Wirbelsäule im Körper auszubreiten. Es scheint mir nicht richtig zu sein, dass ich sie in den Körper ziehe. Ich halte meine Hände über dem Brustkorb und warte ab. Theas Lebensenergie fliesst mit einer rhythmischen Bewegung Richtung Wirbelsäule und teilt sich da in einzelne weissschimmernde Fäden auf und fliesst entlang der Nervenbahnen in den restlichen Körper. Ich weiss nicht, wie lange ich so da gesessen habe, irgendwann öffne ich die Augen aus einem Impuls heraus und sehe wie die Theas Gesichtsfarbe von fahl grau auf rosig wechselt. So was habe ich selbst noch nie erlebt.